Warum fehlt der Nachwuchs bei Kieslaichern?


Eine dichte Schicht Algen verhindert Wasseraustausch zwischen fließender Welle und Interstitial

Der Wasserkörper der Fließgewässer besteht aus der fließenden Welle, in der sich die Fische bewegen und dem Wasserstrom, der die Verbindung zum Grundwasser darstellt. Dieser Wasserstrom bewegt sich im Kieslückensystem ("Interstitial") in der Gewässersohle. Wenn gute Verbindungen zur fließenden Welle bestehen, wird das Kieslückensystem mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt. Hier leben und wachsen die Fischnährtiere; hier entsteht die Grundlage für den fischereilichen Ertrag. Hier werden von Kieslaichern (z. B. Äschen, Forellen) die Eier abgelegt und hier entwickeln sich die Fische in der Phase der Dottersackbrut.

Leider ist in vielen Gewässern der Kiesgrund verschlammt. Ein Austausch des Wassers im Lückensystem mit der fließenden Welle ist behindert. Sauerstoff fehlt im Interstitial. Fischnährtiere sticken aus und müssen an die Oberfläche, die Gewässersohle auswandern. Dort werden sie schnell gefressen. Die Gesamtmasse Fischnährtiere und damit der nachhaltige Fischertrag sinken. In verschlammtes Interstitial abgelegte Fischeier sterben ab. Folge: der Fischertrag sinkt, Fischnachwuchs fehlt.

 

Möglichkeiten der nachhaltigen Verbesserung

Woher kommen die Feinsedimente, die das Kieslückensystem verstopfen? Was können Angler für ihr Gewässer tun?

Das Problem ist vom Menschen gemacht: Begradigung der Flüsse führt zu einer Eintiefung so das Hochwässer (trübes, schlammiges Wasser) nicht, wie früher in die Aue gehen und dort den Schlamm ablagern, sondern im Flussbett bleiben. Wo soll sich der Hochwasserschlamm anders ablagern, als im Kieslückensystem? Dazu kommt, dass mit der Trennung von Abwasser und Oberflächenabfluss bei Regen die Abläufe von befestigten Oberflächen oft direkt in den Fluss eingeleitet werden. Dieses Wasser führt neben dem Straßendreck überraschend große Mengen von Pestiziden und Feinsedimenten mit. Alles bleibt im Fluss.

Aus diesen Zusammenhängen ergibt sich die Forderung zur Verbesserung der Situation:

  1. Renaturierung der Gewässerstruktur, Anhebung der Gewässersohle
  2. Nutzung der Aue als Hochwasser- Ausuferungsflächen
  3. Kontrolle der Regenwasserabschläge
  4. Schutz des Gewässers durch Gewässerrandstreifen

Viele Verbesserungen (z.B. Gewässerrandstreifen), die man bereits erreicht zu haben glaubte, werden von politischer Seite zur Disposition gestellt, hier gilt es, die Augen immer offen zu halten. Viele Verbesserungen können aber auch im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen erreicht werden. Hier sollten die Angler besonders auf Baumaßnahmen an Gewässern achten (Brückenbau, Dücker, Stauhaltungen), bei denen durch Eingriffe in den Gewässergrund oft große Feinstoffanteile freigesetzt werden. Der hierdurch entstehende Schaden am fischereiliche Ertrag ist schadenersatzpflichtig!

 

Was können Angler tun?

Die Renaturierung der Gewässer ist eine Aufgabe, die als Ganzes die Möglichkeiten der Angelfischer übersteigt. Dennoch führen auch kleine Schritte vorwärts. Einer der kleinen Schritte kann sein, den kieslaichenden Fischen eine erfolgreiche Reproduktion zu ermöglichen. Wenn man die Kosten für Besatz bedenkt, die dann zum Teil eingespart werden können, wird die Dimension dieses "kleinen Schrittes" deutlich. Ziel ist, den verschlammten Kies zu reinigen, so daß wieder sauerstoffreiches Wasser in das Interstitial eindringen kann. Abgelegte Eier sollen während der Brutphase mit Frischwasser versorgt werden und geschlüpfte Brut soll sich im Kieslückensystem bis zur Aufzehrung des Dottersackes aufhalten können.

Natürliche Reproduktion führt zu vitalen Fischen, die an die Bedingungen des Fließgewässers optimal angepaßt sind. Bei Forellen kann man mit ca. 2000 Eier pro kg Körpergewicht rechnen, so dass bei erfolgreicher natürlicher Vermehrung von nur einigen Dutzend Fischen schon mehr Fische in das Gewässer kommen, als mit Fischbesatz in der Regel finanzierbar sind. Ziel ist, der natürlichen Fischbrut optimale Bedingungen für ein Überleben zu schaffen. Das ereicht man durch die Revitalisierung der Laichbetten.

 

Methoden zur Revitalisierung der Laichbetten

Zunächst sollten geeignete Flächen, auf denen früher Äschen und Forellen gelaicht haben, identifiziert werden. Oft kennen alte Angelkollegen die Stellen noch. Sollten potentielle Laichflächen nicht mehr bekannt sein, können geeignete Stellen aufgrund der Wassertiefe, der Fließgeschwindigkeit und der Korngrößenzusammensetzung des Gewässergrundes identifiziert werden. Es sollten mehrere Gewässerflächen mit je ca. 100 m² Größe für den Revitalisierungsversuch ausgewählt werden. Die Revitalisierung kann durch verschiedene Methoden bewerkstelligt werden.

 

1. Frischer Kies bestimmter Korngrößen kann in das Gewässer an geeigneter Stelle eingebracht werden. Nachteile: hohe Kosten und die Maßnahme wird genehmigungspflichtig. Daher ist das Einbringen von Kies kein gangbarer Weg für Angelfischer.

2. Ein Bagger wäscht den Kies aus. Nachteil: hohe Kosten, Beeinträchtigung der Ufer (der Bagger muss ins Wasser) und ebenfalls genehmigungspflichtig. Die Methode kann möglicherweise dann angewandt werden, wenn sowieso Baumaßnahmen stattfinden und ein Ausgleich für den Eingriff geschaffen werden soll. Mit der Methode liegen positive Erfahrungen vor [].

3. Interstitialspülung. Zusammen mit der örtlichen freiwilligen Feuerwehr wird der Kies durch Spülung mit der Tragkraftspritze aufgereinigt. Angler helfen, indem sie den Schlauch aus dem Wasser halten (Foto) und große Steine zu Haufen bzw. Schwellen zusammentragen. Gespült wird auf eine Tiefe von 50 cm in Richtung bachabwärts. Gut ist es, wenn der Boden nach der Spülung möglichst uneben wird; Kieshaufen werden von der Strömung in den folgenden Tagen natürlich bearbeitet und umgelagert. Optimal können die Arbeiten bei Niedrigwasser durchgeführt werden, geeignet ist aber jeder wathosengeeignete Wasserstand. Mit Auf- und Abbau und einem Imbiß kann bei einer Aktion in 4-5 Stunden eine Fläche von 100 m² bearbeitet werden. Die Reinigung führt in einem Fluss mit durchschnittlicher Schwebstofffracht und Eutrophierungsgrad (Gewässergüteklasse 2,5) für ca. ein Jahr zu geeigneten Sauerstoffgehalten im Interstitial. Dies haben Messungen an der Lahn bei Marburg nachgewiesen. Befürchtungen, durch den ausgewaschenen Schlamm andere Gewässerteile zu verunreinigen, haben sich nicht bestätigt. Die Schwebstofffracht, die freigesetzt wird, entspricht nicht einmal der eines kleinen Hochwassers und ist zeitlich auf die Maßnahmendauer begrenzt. Gespülte Bereiche werden gerne sofort von Fischen besetzt. So konnte regelmäßig beobachtet werden, dass Fische sich Stunden nach der Aktion an Kieshaufen und Steinbarrieren einstellen und die neuen Standplätze in Besitz nehmen.

 

 

Effizienzkontrolle

Zur Prüfung, ob die Interstitialspülung zu geeigneten Brutbedingungen für Fische geführt hat, kann der Sauerstoffgehalt des Interstitialwassers herangezogen werden. Hierzu bedient man sich Interstitialsonden (Foto), die im bearbeiteten Bereich und zum Vergleich an unbearbeiteter Stelle eingebaut werden. Möglich ist auch die direkte Kontrolle, ob Fische gelaicht haben, indem Laichgruben geöffnet und mit einem Netz abschwimmende Eier ausgesammelt werden. Interstitialsonden haben den Vorteil, die Brut nicht zu stören, ob erfolgreiche Reproduktion stattfindet, kann aber nur der direkte Nachweis zeigen. Den kann allerdings auch eine Brutnetzbefischung (Befischung der Jungfischhabitate mit einer Art Zugnetz) zeigen, mit der die Jungfische nachgewiesen werden, wenn sie das Kieslückensystem verlassen haben.

Die Methode kann vorgestellt, Laichhabitate nachgewiesen, die Durchführung betreut und die Effizienz kontrolliert werden. Anfragen bitte an: Dr. Uwe Koop, www.buk-marburg.de

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